Vor 1923

 

Schon vor dem ersten Weltkrieg bestand eine Musikgesellschaft Schlieren. Über sie lässt sich nicht viel berichten, denn die Akten sind leider nur noch unvollständig erhalten. Ihr Gründungsjahr konnte zum Beispiel nicht eruiert werden. Nach unseren Informationen dürfte sie in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts entstanden sein, die ältesten gefundenen Protokolle und Fotografien stammen aus dem Jahr 1910. Da dieser Verein mit dem heutigen eigentlich nichts mehr gemeinsam hat, soll hier nur über sein Ende berichtet werden.

Während des Krieges und den daraus folgenden Umständen dezimierte sich die Mitgliederzahl ganz erheblich. Kurz nach dem Krieg spielten die politischen Ereignisse und Ansichten eine so grosse Rolle, dass sie auch das Vereinsleben beeinflussten. Die Konflikte eskalierten an der Bundesfeier 1919. Der damalige Präsident Eduard Böhringer hatte mit dem Mitglied Johann Grimm eine beinahe tätliche Auseinandersetzung. Die Folge war, dass der Präsident seinen Rücktritt und gleichzeitig den Austritt erklärte und Grimm aus dem Verein ausgeschlossen wurde.

Nach diesem Vorfall war der Verein auf 8 Mitglieder zusammengeschmolzen. An der Probe vom 9. August 1919 im alten Schulhaus wurde einstimmig der Beschluss gefasst, die Musikgesellschaft Schlieren zu liquidieren und abzuwarten, bis bessere Zeiten kommen und neues Leben in die Musik bringen werden.

Der damalige Vorstand: Fritz Blocher (Präsident und Aktuar) und Ernst Aeberli (Kassier). Die Akten wurden diesen beiden Herren zur Aufbewahrung übergeben und die Musikinstrumente hat man im alten Schulhaus deponiert.

Das war das traurige Ende des ersten Musikvereins in Schlieren.

1923

Bereits dreieinhalb Jahre später, am 8. Februar 1923 hatten sich einige Ehemalige mit anderen Musikanten zusammengefunden, um die Gründung einer neuen HARMONIE zu besprechen. Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse schienen sich beruhigt zu haben, das Interesse für einen eigenständigen Schlierner Musikverein war wieder erwacht.

An diesem Tag wurde folgende Resolution gefasst:

Die Unterzeichneten bescheinigen durch ihre Unterschrift, dass sie mit heutigem den 8. Februar 1923 obgenannter Musikverein wieder ins Leben rufen und sich nach Einsicht der Statuten damit einverstanden:

Der Präsident:

K. Scholer

Der Kassier:

E. Aeberli

Der Aktuar:

Fritz Blocher

 

Seiler Robert Es Bass

 

M. Vecellio Es Horn

 

Ed. Noser

Diese Resolution verfehlte ihre Wirkung nicht: Bereits eine Woche später, am 16. Februar 1923 fand im damaligen Restaurant zur alten Post in Schlieren dann die konstituierende Versammlung statt, bei der sich dreizehn Interessenten eingefunden und eingeschrieben haben.

Es waren dies:

Präsident:

Karl Scholer

Aktuar:

Fritz Blocher

Materialverwalter:

Ernst Aeberli

 

Franz Erdmann

 

Ernst Flückiger

 

Josef Huber

 

Albert Karli

 

Jakob Lienhard

 

Albert Nitschke

 

Edwin Noser

 

Robert Seiler

 

Walter Senn

 

Mario Vecellio

Bereits an dieser Versammlung waren eindeutige Linksströmungen bemerkbar. Es wurde der Antrag gestellt, den Verein in „Musikverein FREIHEIT" umzubenennen. Dies wurde aber abgelehnt und deshalb heisst er auch heute noch HARMONIE. Interessant ist dabei, dass nicht EINTRACHT beziehungsweise CONCORDIA vorgeschlagen wurde, wie dies sonst bei Arbeitermusikvereinen üblich war.

Am 26. September desselben Jahres gab es bereits den ersten Präsidentenwechsel: Karl Scholer wurde von Otto Hedinger abgelöst. An dieser Versammlung wurde zudem erstmals ein Dirigent bestimmt, die Wahl fiel auf Franz Erdmann. Von einer Besoldung oder einer anderweitigen Entschädigung war zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede.

1924 - 1933

Die folgenden Ausführungen sind leicht redigiert der Jubiläumschronik des Ehrenpräsidenten Romeo Tomio (1898 - 1983) von 1973 entnommen:

Am 22. November 1924 fand eine Quartalversammlung im Restaurant Central statt, an der auch der Schreibende [R. Tomio] zum ersten Mal als Gast und Zuhörer teilnahm. Was aber in dieser Versammlung beschlossen wurde, das schlug dem Fass den Boden aus. Es wurde auf Antrag hin beschlossen, dass die Mitglieder der HARMONIE nur in Arbeiterwirtschaften in Schlieren verkehren dürfen und das Fleisch und das Brot nur bei gewissen Läden eingekauft werde.

Da der Schreibende nicht Mitglied war, hatte er an dieser Versammlung nichts zu sagen, wenn ihm auch fast der Kopf platzte schliesslich ging es mich auch nichts an. Nach der Versammlung habe ich dann den Präsidenten ins Verhör genommen und habe ihm gründlich erklärt, was sich für einen Musikverein gehört und was nicht.

Dies hatte dann zur Folge, dass ich zu der nächsten Sitzung eingeladen wurde, um meine Äusserungen, die ich bei Präsident Hedinger gemacht hatte, zu wiederholen. Dies habe ich dann auch gründlich gemacht, mit dem Erfolg, dass an diesem Abend die stark nach links gerichteten Mitglieder aufgefordert wurden, den Austritt aus dem Verein zu geben. Dies wurde auch erreicht. Von diesem Moment an war die Grundlage für eine konfessionelle und politische Neutralität geschaffen und bis zum heutigen Tage ist dies immer strikt innegehalten worden.

Von diesem Moment an konnte mit dem Aufbau des Vereins begonnen werden, und die Vorwürfe, die uns von den Bürgerlichen immer gemacht wurden, wir seien eine Arbeitermusik, waren für immer verstummt.

Die Neutralitätsklausel in den Vereinsstatuten mag heute vielleicht etwas befremden. Im damaligen Schlieren jedoch, welches in Arbeiter und Bürgerliche einerseits, in Katholiken und Reformierte andererseits geteilt war, war diese Toleranz geradezu ein Fortschritt. Alteingesessene SchliernerInnen werden dies sicherlich bestätigen.

Mit dieser Öffnung begann darauf ein eigentlicher Aufschwung: Im Jahr 1925 waren 16 Aktiv und bereits 168 Passivmitglieder verzeichnet. Ebenfalls zu verbessern begann sich auch die finanzielle Situation. Zu den von nun an zahlreichen Passivbeiträgen brachte eine öffentliche Sammlung in etwa Fr. 3000. ein. Darüber hinaus wurde einem Subventionsgesuch an die Gemeinde Schlieren entsprochen und der Betrag Fr. 500. pro Jahr bewilligt.

Am 2. Mai 1925 trat die HARMONIE in den Zürcher Kantonalmusikverband ein und nahm bereits am 7. Juni am Kantonalen Musiktag in Altstetten teil. Sie trat in der 3. Kategorie mit dem Selbstwahlstück „Simon Boccanegra" von Giuseppe Verdi an. Das Resultat: 4. Rang in der 3. Kategorie 1 Lorbeerkranz mit Silber gespickt 1 Becher. Der Kommentar dazu, wiederum von Romeo Tomio:

Wenn es auch keine Höchstauszeichnung war, so war es für die HARMONIE mindestens ein grosser musikalischer und speziell ein moralischer Erfolg. Das bewies denn auch der grosse und herzliche Empfang am Bahnhof in Schlieren, wo sich eine übergrosse Menschenmenge und Vereinsdelegationen eingefunden hatten.

Der MHS hatte in dieser Zeit sehr viele Engagements, allen voran die Gartenfeste. Weil damals weder Fernsehen noch Radio erfunden beziehungsweise verbreitet waren, wurde auf diese Art für Unterhaltung gesorgt. Ein Engagement dauerte in der Regel von 15 bis 19 Uhr und die Gage betrug Fr. 150. bis 250.. Für den Verein war dies immer eine willkommene Gelegenheit, die Vereinskasse zu füllen.

So war im Sommer die HARMONIE fast jeden Sonntag im Garten eines Restaurants am Musizieren. Beliebte Konzertorte waren Hubertus Albisrieden, unteres und oberes Albisgüetli, Limmatspitz, Eggbühl Oberengstringen, Eckstein und Sennenbühl Unterengstringen, Kloster Fahr und Gaswerk Schlieren.

Diese Form von Auftritten bedingte jedoch, alles benötigte Material vom Probelokal zum Konzertort und wieder zurück zu bringen. Zu Beginn geschah das zu Fuss und mit Handwagen. Dann aber offerierte das treue und wohlwollende Passivmitglied Alois Huber, besser bekannt als „Kohlenhuber", bei jedem Anlass das Material gratis zu transportieren; Zuerst noch mit Pferd und Wagen, später mit dem Auto.

Im Sommer 1928 unternahm die HARMONIE ihre erste 2tägige Musikreise mit der Destination Altdorf. Dies war der erste Vereinsanlass, bei dem die Mitglieder ihre frischerworbene Uniform präsentieren konnten. Gesamtkosten: ca. Fr. 4200.; Stückpreis: Fr. 137..

Im folgenden Jahr fand der erste Wechsel in der Direktion statt. Franz Erdmann, vom musikalisch erstarkten MHS allmählich überfordert, wurde von E. Seeberger aus Wettingen abgelöst. Unter seiner Leitung nahm der Verein im selben Jahr am Kantonalen Musikfest in Winterthur teil. Das Wettstück war „Der Barbier von Sevilla" von Gioaccino Rossini. Nebenbei gesagt: Die mit Herrn Seeberger eingeführte Dirigentengage betrug im Jahr Fr. 1000., ein Betrag, der gemessen an der Kaufkraft eine ansehnliche Summe darstellte. Direktor Seeberger reichte aber bereits ein Jahr später ebenfalls seine Demission ein, mit derselben Begründung wie schon sein Vorgänger. Als sein Nachfolger wurde Herr Werner Neukomm, Vizedirigent der Stadtmusik Zürich gewählt. Mit ihm sollte eine eigentliche Ära beginnen, wird er doch 25 Jahre musikalischer Leiter der HARMONIE bleiben.

Die nächste Musikreise führte den Verein am 29. und 30. September 1931 von Lugano über Capo Lago und Gandria nach Riva San Vitale. Der MHS war zuvor von dem dortigen Musikverein eingeladen worden. Der Gegenbesuch der Tessiner in Schlieren erfolgte im darauffolgenden Sommer.

Ebenfalls sehr erwähnenswert scheint mir der „Herbstbummel" von Mitte Oktober 1932 nach Hallau, der Heimatgemeinde von Musikdirektor Werner Neukomm. Von einem gemeinsamen „Wähenessen" sind ein paar vielsagende Fotos erhalten.

Spricht man über den Aufbau der HARMONIE, darf man auf keinen Fall die Knabenmusik vergessen. Über deren Entstehung, Form, Vorsteherschaft oder Mitgliederzahl findet man leider fast nichts in den Akten. Es existiert jedoch eine Fotografie von 1926, auf der 18 Jungmusikanten zusammen mit Franz Erdmann zu sehen sind. Darüber hinaus bestand im MHS eine Kommission, die sich mit den Belangen der Knabenmusik befasste.

Die HARMONIE scheint somit gleich zu Beginn eine „Jugendsektion" gegründet zu haben, mit der Nachwuchsförderung als klarem Ziel. Bei der Uniformierung von 1928 wurde sogar diskutiert, ob man auch gleich vier Mitglieder der Knabenmusik einkleiden solle. Offensichtlich waren diese somit bereits in das Korps integriert. Die Knabenmusik wurde 1956 ein eigenständiger Verein und heisst heute Stadtjugendmusik Schlieren doch dazu später.

 

 

Die Wirtschaftsdepression hatte nun auch die Schweiz erreicht und die Jahre der Krise waren ausgebrochen. Manches Mitglied der HARMONIE war arbeitslos geworden und zum Stempeln verurteilt. Man darf nicht vergessen, dass Schlieren mit Waggonsfabrik, Gaswerk, Geistlich, Aluminium-Schweisswerk und Färberei ein typischer Industrie, also Arbeitervorort von Zürich war und daher von der Rezession besonders betroffen.

Viele Aktivmitglieder hörten deshalb auf zu musizieren und einige Passivmitglieder konnten nicht einmal mehr den Jahresbeitrag von Fr. 6.-- entbehren. Vor allem bei ihnen gab es viele Austritte, was natürlich einen grossen Einfluss auf die Vereinskasse hatte.

Glücklicherweise gab es aber auch Mitglieder, die von der Krise nicht betroffen waren und für die Benachteiligten ein offenes Ohr hatten. Den Passivmitgliedern wurde wenn nötig eine verlängerte Zahlungsfrist zugestanden. Auf diese Art war es möglich, die HARMONIE einigermassen über Wasser zu halten.

Auch wenn es einigen Musikern nicht immer leicht fiel, ihr Hobby zu pflegen, so erfüllte der MHS in diesen Zeiten eine sehr wichtige Aufgabe. Sinnvolle Freizeitbeschäftigung für die Mitglieder und Unterhaltung für das Publikum sind ein nicht zu unterschätzender Faktor, besonders in einer solchen Situation, wenn so ziemlich alle ihre Sorgen und Ängste haben. Den Vergleich zu heute spare ich mir...

Wenn auch der Einzelne unter den Folgen der Rezession zu leiden hatte, die HARMONIE als Gesamtes florierte nach wie vor. Am 2. April 1933 feierte sie in der Turnhalle Grabenstrasse mit einem Frühlingskonzert ihr zehnjähriges Bestehen.

Klammer auf: 1933 steht auch für den Machtwechsel in Deutschland. Wie wir wissen, hat dieses Ereignis auch Auswirkungen auf die Schweiz gehabt, vor allem auf die politischen Verhältnisse. Inwieweit Schlieren, seine Bürger und nicht zuletzt die HARMONIE davon beeinflusst wurden, ist aus den Akten natürlich nicht zu ersehen, wäre aber ein interessantes Thema. Klammer zu.

Wie aktiv der Verein in diesen Jahren war, zeigt zum Beispiel ein Überblick von 1934:

  • Frühlingskonzert im Sennenbühl
  • Besichtigung der Brauerei Müller in Baden
  • Besuch des Limmattaler Musiktages in Weiningen
  • Herbstbummel nach Laufenburg
  • Einweihung der ersten Vereinsfahne mit der Patensektion, der Stadtmusik Zürich

Insgesamt hatte die HARMONIE in diesem Jahr 75 Zusammenkünfte. Der Durchschnitt heutzutage liegt übrigens bei 68.

Von der zweiten Hälfte der 30erJahre gilt es vor allem zwei Ereignisse in Erinnerung zu rufen:

Das erste ist die 2tägige Reise im Jahr 1936 von Interlaken via Spiez nach Montreux, hier wurde übernachtet, und danach über Lausanne nach Bern und zurück nach Schlieren.

Auf dieser Reise soll sich folgende Anekdote abgespielt haben: Innerhalb der HARMONIE gab es eine Stegreif-Formation, die sogenannte B-Musik, eine Vorläuferin der späteren „Buuremusig". Beim Umsteigen auf die Brünigbahn in Giswil musizierte sie während der Wartezeit, derweil der Rest der Reisegruppe schon im Zug sass. Und prompt fuhr dieser ab, während die Musik draussen noch wacker ihren Marsch spielte. Zum Glück war die Eisenbahn damals noch flexibler: Die Zahnradbahn machte kehrt und sammelte die zurückgelassenen Harmonisten am Perron auf.

Das zweite denkwürdige Ereignis war das Zürcher Kantonalmusikfest vom 8./9. Mai 1937 in Zürich-Oerlikon. Die HARMONIE bestritt den Wettkampf zum ersten Mal in der 2. Kategorie mit dem Selbstwahlstück „Lugdunum".

Resultat: 1. Rang mit Goldlorbeer.

Die Freude über das Resultat fand bei den Mitgliedern keine Grenzen, hatte der Verein in diesem Jahr bis dahin 45 Proben abgehalten, Registerproben eingerechnet. Es war sicher einer der grössten Erfolge für die HARMONIE, aber besonders auch für den Dirigenten Werner Neukomm, ohne dessen Einsatz dies alles gar nicht möglich geworden wäre. Die Begeisterung der Bevölkerung beim Empfang am Bahnhof war dementsprechend gross. An diesem Abend floss sehr viel Wein und es wurde bis spät in die Nacht gefeiert.

Wie allen bekannt, brach am 1. September 1939 der zweite Weltkrieg aus, die Schweizer Armee besetzte die Landesgrenzen. Auch viele Mitglieder der HARMONIE mussten ihr Arbeitskleid mit dem Waffenrock vertauschen und immer wieder für manchen Monat Militärdienst leisten.

Die unsichere Lage, die stetige Abwesenheit vieler Musiker haben den Verein stark geschwächt, die Proben stark in Mitleidenschaft gezogen. Demzufolge wurden während dieser sechs Jahre auch fast keine grossen Feste veranstaltet oder Engagements erteilt.

Trotzdem liess sich auch die HARMONIE nicht unterkriegen. 1939 gab es 80 Vereinsanlässe, Proben miteingerechnet. Besondere Auftritte waren ein Radiokonzert bei der Zürcher Rundfunkgesellschaft, wie sie damals noch hiess sowie ein Ständchen im „Dörfli" der Landesausstellung anlässlich einer internationalen Ballonwettfahrt. Wenn es irgend ging, wurden Proben abgehalten. 1940 waren es immerhin noch 54 Zusammenkünfte, zwölf davon waren Auftritte. Hatte es einmal zuwenig Musiker für einen vernünftigen Probebetrieb, so erteilte der Dirigent kurzerhand Theorieunterricht.

Die Solidarität der Mitglieder untereinander war geradezu bemerkenswert. Wer im Dienst war, schrieb Postkarten an den Verein, die Zuhausegebliebenen unterstützten diejenigen im Militär. Zum Beispiel bekamen 1939 alle, die eine „Soldatenweihnacht" feiern mussten, von der HARMONIE ein kleines Geschenk. Es gab manche Benefizkonzerte, deren Gewinn unter den Aktivdienstleistenden verteilt wurde.

Besondere Erwähnung verdient nicht zuletzt die Direktion: Werner Neukomm begnügte sich während der Kriegsjahre mit nur dem halben Salär. Ohne diese Entlastung hätte die HARMONIE diese Lage finanziell nicht überstanden.

Die Solidarität ging aber auch über den Verein hinaus. Trotz der Notlage gab es immer wieder freiwillige Spender, die auf diese Weise der HARMONIE für die geleistete Arbeit und die fröhlichen Stunden in dieser schweren Zeit dankten.

Letzten Endes kam die HARMONIE auf diese Art über die Runden und am 8. Mai 1945 konnte der Aktuar Oskar Bühler in grossen Lettern „Friedenstag" in das Protokollbuch schreiben. Zur Feier des Tages spendierte die Vereinskasse einen Umtrunk in der Lilie.

1945 - 1958

Nach dem Krieg kam langsam wieder Leben in den Verein. Dank Werner Neukomm war es erneut möglich geworden, gut besuchte Proben durchzuführen und sich mit schwereren Kompositionen zu befassen.

Über die folgende Zeit lassen sich leider fast keine Aussagen machen, denn von 1947 bis 1968 fehlen die Protokollbücher. Trotz eingehender Recherche konnten sie nirgends ausfindig gemacht werden.

Per Zufall kam mir von einer nicht näher genannt werden wollenden Quelle folgendes Gerücht zu Ohren, welches ich an dieser Stelle trotz möglicher Unrichtigkeit weitergeben möchte:

Angeblich soll zu Beginn der 50-erJahre das Aktivmitglied Albert Suter junior, genannt „Schnurri-Suter", an einem Sonntag zusammen mit Freunden ein kleines Privatfest an der Zürcherstrasse gegeben haben. Diese Feier muss dann offensichtlich etwas laut gewesen sein, denn ein Anwohner begann sich zu beschweren. Das Ganze artete in einem handfesten Streit aus, bei welchem besagter Albert Suter junior dem reklamierenden Nachbarn eine Fensterscheibe eingeworfen und dessen Hauseingang auf übelste Weise beschmutzt haben soll. Albert Suter junior wäre darauf beinahe aus dem Verein ausgeschlossen worden, hätte nicht sein Vater, Albert Suter senior interveniert. Wie bei solchen Affären üblich, habe die Sache Niederschlag in den Protokollbüchern gefunden.

Die ganze Geschichte wäre nicht weiter von Bedeutung, wenn nicht selbiger Albert Suter junior laut meiner Quelle ein paar Jahre später Aktuar geworden wäre. Seither sollen jedoch diese Protokollbücher fehlen, denn es sollen auch schon andere danach gesucht haben.

Es sei nochmals angemerkt, dass diese Ausführungen auf reinem Hörensagen beruhen und der Verfasser keinerlei Verantwortung bezüglich deren Richtigkeit übernimmt. In den Akten ist weder etwas von dem Vorfall noch über die Tätigkeit der besagten Person als Aktuar vermerkt.

Wie dem auch sei, 1948 feierte die HARMONIE ihr 25-jähriges Bestehen. Eigentlich war der Festanlass für den 7. August geplant. Infolge schlechten Wetters musste jedoch die Feier ganz kurzfristig auf den 15. verlegt werden. Mit der Verschiebung wurde dermassen lange zugewartet, dass die Feldmusik Jona, welche sich bereits in der Eisenbahn unterwegs nach Schlieren befand, nicht mehr rechtzeitig erreicht werden konnte. Deshalb hielt die HARMONIE bereits auch schon am 7. eine kleine Feier ab.

Kurz darauf fand die erste Neuunifomierung statt. Die Datierung gestaltet sich äusserst schwierig, die Uniform dürfte höchstwahrscheinlich 1950 eingeweiht worden sein. Der Auftrag ging an die Firma Keller & Sohn aus Mörschwil, die Gesamtkosten beliefen sich auf etwa Fr. 17’000.--, wobei der Einzelpreis bei ungefähr Fr. 370.-- (inklusive Hemd) lag. Finanziert wurde die Aktion durch einen speziellen Fonds, eine Haussammlung, zusätzliche Spenden, durch die Gemeinde Schlieren sowie den Verkauf der alten Uniformen. Diese gingen angeblich an die Securitas. Von der ersten HARMONIE-Uniform ist aber trotzdem noch ein Exemplar erhalten, leider jedoch ohne Mütze. Anzumerken ist übrigens, dass laut Vorstand nur „wirklich zuverlässige Mitglieder die neue Uniform erhalten sollten".

Nach Ende des Krieges machte sich langsam wieder der Wohlstand breit und beeinflusste auch die Mitgliederzahl der HARMONIE positiv. Umfasste der Verein im Jahr 1945 noch gesamthaft 419 Mitglieder mit 35 aktiven Musikern, waren es 1948 bereits wieder 487 mit 48 Aktiven.

Der allmählich einsetzende Wirtschaftsboom machte sich auch bei der HARMONIE bemerkbar, denn ihre Mitglieder wurden in vermehrtem Masse von der Reiselust gepackt. Es wurde beschlossen, im Jahre 1950 eine 4tägige Reise nach Venedig durchzuführen.

Leider war es dem damaligen Präsidenten Otto Seiler, der sich so sehr auf diese Reise gefreut und auch die nötigen Vorbereitungen dazu unternommen hatte, nicht vergönnt teilzunehmen. Am Samstag, 7. Januar 1950 kam die Kunde, er sei bei der Arbeit im Gaswerk schwer verunfallt. Am Sonntagmorgen, dem 8. Januar ist Otto Seiler den schweren inneren Verletzungen erlegen. Er war der einzige HARMONIE-Präsident, der bisher in seinem Amt verstarb.

1955 war wieder ein Jubiläumsjahr. Musikdirektor Werner Neukomm feierte sein 25. Jahr als Dirigent der HARMONIE. Dank seinem Engagement und Können hatte sich der Verein von einer einfachen Dorfmusik zu einem leistungsfähigen Blasorchester entwickelt, welches sich nicht mehr nur mit simpler Populärliteratur begnügen musste, sondern auch anspruchsvollere Werke bewältigen konnte. Diese Leistung zeigte sich auch in der Anerkennung, die der HARMONIE seitens der Schlierner Bevölkerung zuteil wurde. Sie war stolz auf ihre Musik und liess sie das auch wissen.

Leider musste Herr Neukomm ausgerechnet in seinem Jubiläumsjahr den Taktstock der HARMONIE aus gesundheitlichen Gründen niederlegen. Sein Nachfolger wurde Umberto Induni, der damals als einer der besten Dirigenten im Raum Zürich galt.

Ebenfalls im Jahre 1955 führte die Harmonie eine 8tägige Reise nach Mailand, Bologna, Rom, Neapel und Capri durch. Es nahmen nahezu 200 Personen daran teil. Die Rückreise von Neapel nach Genua erfolgte auf dem damaligen Luxusliner „Andrea Doria", welcher leider ein Jahr später bei einem Zusammenstoss mit einem schwedischen Dampfer unterging.

Stetig um Nachwuchs besorgt, beschloss die HARMONIE 1956, aus ihrer Knabenmusik einen eigenständigen Verein zu machen. Bis anhin war diese eine Art Untersektion ohne feste Strukturen, ohne eigene Kasse und Kompetenzen. Der Gründungsvorstand der Knabenmusik Schlieren setzte sich wie folgt zusammen:

Präsident:

Emil Stähli

Vizepräsident:

Ewald Appenzeller

Aktuar:

Albert Huber

Kassier:

Karl Lottenbach

Materialverwalter:

Fritz von Niederhäusern

Wie der Name schon sagt, waren damals nur Knaben zugelassen. Dies hat sich zum Glück im Laufe der Jahre geändert und deshalb heisst der Verein heute wie bereits schon erwähnt Stadtjugendmusik Schlieren.

1957 nahm die HARMONIE anscheinend zum ersten Mal an einem Eidgenössischen Musikfest teil, welches damals in Zürich stattfand.

Im darauffolgenden Jahr kam es kurz vor der Abendunterhaltung zu einem Eklat. Mit den Worten „Soll das Konzert machen, wer will" lief Musikdirektor Induni mitten aus einer Probe. Über die Gründe seines Zorns lassen sich leider keine zuverlässigen Angaben machen. Ich vermute, er war entweder mit der Leistung des Vereins nicht zufrieden oder hatte sich mit dem Vorstand überworfen. Die Reaktion der HARMONIE war eine fristlose Kündigung.

Diese eher unrühmliche Episode in der Geschichte des Vereins hatte indirekt einen enormen Einfluss auf dessen weitere Entwicklung. Die Stelle des Dirigenten sollte mit einem Mann besetzt werden, der den Musikverein HARMONIE Schlieren volle 34 Jahre leiten und seine Geschicke entscheidend mitbestimmen wird. Durch sein Charisma, sein musikalisches Können, aber auch durch seine gesellschaftliche Stellung wird er den Verein und dessen Image prägen. Dieser Mann war und ist für die HARMONIE von einer derartigen Bedeutung, dass ich ihm ein ganzes Kapitel widme.

1958 - 1992

 

Mit Arthur Bopp erhielt der Musikverein HARMONIE Schlieren einen dynamischen, zielstrebigen und vor allem betreffend Musikalität hervorragenden Leiter.

Wie bei Führungswechseln üblich, ging auch dieser nicht ohne Reibereien vonstatten, die Folge waren einige Austritte. Die wurden jedoch wiederum durch Neumitglieder wettgemacht, welche Arthur Bopp von seinem vorgängigen Verein, der Postmusik Zürich mitgebracht hatte.

Das Geschehen der nächsten zehn Jahre muss ich infolge Fehlens der Akten direkt aus der Chronik von Romeo Tomio entnehmen:

    1961   

Mitwirkung am Oktoberfest in München.

1963

Reise nach Rigi Kaltbad auf Einladung von Jakob Lemp senior.

1963

Übernahme der Kantonalen Delegiertenversammlung.

1963

Reise nach Löhningen in Deutschland.

1965

Besuch des Kantonalen Musikfestes in Dietikon.

1966

Besuch des Eidgenössischen Musikfestes in Aarau: Höchstauszeichnung 1. Klasse.

1968

Neuinstrumentierung.

1969

Besuch des Kantonalen Musikfestes in Dietikon.

Von diesen Anlässen verdient vor allem die Rigireise besondere Erwähnung. Das Fest, welches am Abend des 31. August 1963 im Gasthof Rigi-Kaltbad stattfand, dürfte allen Beteiligten in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Da die Herren Harmonisten für einmal wieder ohne ihre Partnerinnen unterwegs waren, kosteten sie dies auch in vollen Zügen aus.

Bei der obigen Aufstellung fehlen meines Erachtens zwei für die HARMONIE sehr wichtige Ereignisse:

Das erste ist der Beitritt von Heinrich Steffen und Marcel Küng im Jahre 1960. Mit ihnen erhielt der MHS seine ersten Tambouren. Beide waren sie ursprünglich Mitglieder des Turnvereins Schlieren und trommelten nur so nebenbei an Turnfesten und an entsprechenden Umzügen. Dank der Initiative des späteren Präsidenten Max Hauser traten sie in die HARMONIE ein, und seither ist bei Marschmusik ein vernünftiger Spielwechsel möglich. Auf die Tambourengruppe, welche gerne immer wieder vergessen wird und erst 1971 offiziell gegründet wurde, werde ich später nochmals ausführlich zurückkommen.

Das zweite wichtige Ereignis: Die erstmalige Teilnahme des MHS am Zürcher Sechseläuten 1968 als Spiel der Zunft zum Widder. Diese Ehre wird ihr mit dem heutigen Jahr somit zum dreissigsten Mal zuteil. Wie die HARMONIE dazu kam, liess sich anhand der Akten nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist nur, dass dies nicht ohne gute Beziehungen und entsprechende Fürsprache von einflussreichen Leuten geschehen konnte. Das Sechseläuten ist noch immer ein zentraler und beliebter Anlass im Jahresprogramm des Vereins.

Von nun an ist die Vereinsgeschichte wieder dermassen gut dokumentiert, dass es mir schwer fällt, eine sinnvolle Auswahl aus all den verschiedenen Anlässen und Ereignissen zu treffen.

Die nach wie vor florierende wirtschaftliche Lage verhalf auch der HARMONIE zu gutem Gedeihen. Der damals stattfindende soziale Umbruch im Zuge der 68-er-Bewegung fand jedoch in den Akten keinen Niederschlag. Man darf dabei nicht vergessen, dass ein Dorfverein wie ihn die HARMONIE darstellte, ein Hort traditionellen bürgerlich-konservativen Denkens war, politische Neutralität hin oder her. Für neuartige Gedanken, Gesellschaftsveränderungen oder gar musikalische Trendbewegungen (Beatles, Rolling Stones, Jimmy Hendrix, Doors, Bob Dylon etc.) war sie mit Sicherheit nicht der richtige Rahmen, weder in Angebot noch in Nachfrage. Es sei mir erlaubt anzumerken, dass in der HARMONIE auch heute noch, trotz des relativ jungen Altersdurchschnitts, der allgemeine Grundtenor von einer eher traditionellen Denkart bestimmt wird. Die Avantgarde macht nun mal keine Blasmusik.

1971 war ein sehr betriebsames Jahr. So war nach einer eigens zu diesem Zweck durchgeführten Gala die zweite Neuuniformierung sowie die Anschaffung einer neuen Vereinsfahne möglich geworden. Am Freitag, 14. Mai wurden Uniform und Fahne im Salmensaal geweiht, und am darauffolgenden Sonntag beim Kantonalen Kreismusiktag Amt und Limmattal in Schlieren gleich das erste Mal allen gezeigt. Die neue Uniform wurde von der Firma Uebersax & Co. aus Zürich geliefert und bestand neuerdings aus zwei Vestons, einem marineblauen für Aussenanlässe und einem roten für Konzerte. Die 70 neuen Uniformen kosteten Fr. 45’000.--. Der Einzelpreis belief sich auf Fr. 647.--, inklusive den Vestons, einem Hemd und einem Regenmantel. Die Neuuniformierung wurde ermöglicht durch die Stadt Schlieren, welche Fr. 38’000.-- beitrug. Man darf nicht vergessen, dass ohne ihre jährliche Subventionen und gelegentlichen Extrazuschüsse ein Vereinsleben gar nicht möglich wäre, besonders nicht für einen dermassen kostenintensiven Verein, wie ihn die HARMONIE darstellt.

In den Genuss dieser neuen Uniform kamen auch die Tambouren, welche wie bereits erwähnt an der damaligen Generalversammlung offiziell ein Bestandteil der HARMONIE wurden. Als erster Tambouristruktor wurde Joseph Wertli gewählt.

Ebenfalls im Jahr 1971 nahm der Verein am Eidgenössischen Musikfest in Luzern teil. Am Wochenende vom 12. und 13. Juni verteidigte sie, wenn die Akteneintragungen wirklich stimmen, den ersten Rang in der ersten Klasse. Das Korps muss sich in diesen Jahren eindeutig im Zenit seines musikalischen Könnens befunden haben: Die HARMONIE gehörte damals zu den besten Erstklassvereinen der Schweiz. Dazu sei jedoch gesagt, dass diese Stellung und die Bewertung des Könnens natürlich immer in engem Zusammenhang mit dem zeitweiligen Musikverständnis und Geschmack steht...

Zwei Jahre später konnten die Mitglieder ein halbes Jahrhundert HARMONIE feiern. Um dieses Jubiläum würdig zu begehen, wurde ein eigentliches Festwochenende vom 25. bis 27. Mai 1973 veranstaltet. Den Auftakt dazu machte ein Galaabend mit dem bekannten Radiomoderator Ueli Beck als Conférencier. Speziell für diesen Anlass wurden aus dem MHS einerseits eine Big Band, andererseits wieder eine „Buuremusig" formiert, wobei letztere bis heute noch besteht. Der Samstagabend stand ganz im Zeichen eines grossen Unterhaltungskonzerts der HARMONIE und ihres Gastvereins, der Stadt und Feuerwehrmusik Herbolzheim aus Deutschland. Am Sonntag ging es dann noch nach Birmensdorf an den Amt und Limmattaler Kreismusiktag, bei dem die HARMONIE mit einem Medley aus der berühmten „WestSideStory" von Leonard Bernstein einen beachtlichen Erfolg erzielte.

1973 steht noch für ein weiteres wichtiges Ereignis: Die Gründung der Gönnervereinigung des Musikvereins HARMONIE Schlieren. Was als spontane Idee zwei Jahre zuvor begonnen hatte, wurde nun in die Tat umgesetzt. Es wurde ein eigener Verein gegründet mit dem Ziel, dem MHS grössere Anschaffungen wie vor allem Instrumente oder Uniformen zu ermöglichen. Im Laufe der Zeit erwies sich die Gönnervereinigung als eine sehr wertvolle und grosszügige Organisation, dank welcher die HARMONIE immer auf genügend Rückendeckung zählen konnte. Dadurch wurde der Verein nach aussen hin nicht nur finanziell unabhängiger, sondern konnte auch sein Beziehungsnetz ausbauen. Dieses ist für eine erfolgreiche Vereinstätigkeit ebenso wertvoll wie bare Münze. Von der kamen in den mittlerweile 25 Jahren seit Bestehen der Gönnervereinigung an ordentlichen Beiträgen über Fr. 150’000.-- zusammen, besondere Spenden und Zuwendungen der Mitglieder nicht eingerechnet.

Die Gründungsmitglieder waren laut dem Protokoll vom 27. Februar 1973:

Präsidentin:

Esther U. Geiger

Vizepräsident:

Hans Schweizer

Kassier:

Miro Vecellio

 

Arthur Bopp

 

Fritz Diggelmann

 

Edi Hagen

 

Fritz Miller

 

Willi Neuenschwander

 

 

Hansruedi Vetsch

 

HansRuedi Wespi

Am Sylvester 1973/74 fand offenbar ein wichtiges Telefongespräch zwischen zwei Mitgliedern der HARMONIE statt, denn dabei wurde die Idee einer weiteren Musikreise geboren. Das Reiseziel sollte das bis heute weitentfernteste bleiben: Moskau.

Nach sorgfältiger Vorbereitung war es am 13. Oktober soweit, 11.27 Uhr hoben 126 Mitglieder und Angehörige in einer Tupolev von ZürichKloten ab, um zwei Stunden und vierzig Minuten später in Moskau-Sheremetyevo zu landen.

Untergebracht war die Reisegruppen in dem 6000 Betten umfassenden Hotel Rossia. Sie sollten in den nächsten Tagen Zeuge noch weiterer sowjetrussischer Errungenschaften werden, welche sich hauptsächlich durch übertriebene Dimensionen manifestierten. Die Harmonisten nahmen es mit Humor und genossen den Aufenthalt in vollen Zügen mit russischen Spezialitäten wie Kaviar, viel Weisskohl (anscheinend war eben Ernte) und natürlich Wodka. Sie kamen übrigens keineswegs nur mit leeren Händen in das Reich Breschnews: Neben vielen Kaugummis für die Wachsoldaten hatten sie auch ihre Instrumente dabei und gaben unter anderem ein Ständchen im Theatersaal der Moskauer Milchfabrik sowie einem Nachtclub.

An der Generalversammlung vom 4. Dezember 1974 brach eine neue Ära in der HARMONIE an: Mit Renate Horlacher-Hauser wurde die erste Frau als vollwertiges Aktivmitglied definitiv in den Verein aufgenommen. Bereits Ruth Böhringer hatte Ende der 60erJahre einen Vorstoss gewagt, die fehlenden Protokolle verunmöglichen aber eine genaue Datierung. Auf jeden Fall war bis zu diesem Zeitpunkt die HARMONIE seit ihrem Bestehen ein reiner Männerverein, die Damen durften höchstens Passivmitglied werden. Erfreulicherweise liegt der Frauenanteil heute bei den Aktiven bei fast 40%.

Die nächste Zeit waren infolge der damaligen Rezession (Erdölschock) nicht besonders ereignisreich. Herausragend war einzig das Eidgenössische Musikfest vom 18. bis 20. Juni 1976 in Biel, als die HARMONIE den ersten Platz in der ersten Klasse belegte. Wie bereits erwähnt, hat sie dies anscheinend auch schon an den vorherigen beiden Musikfesten erreicht, was sich jedoch aufgrund der Aktenlage nicht belegen lässt.

Vom 19. bis 23. Oktober 1977 fand das erste Probewochenende im Ferienheim der Schule Schlieren in Parpan statt. Seit damals zog sich die HARMONIE immer wieder gerne in die Bündner Alpen zurück, um in Ruhe ihre Werke einzustudieren. Neben intensiver musikalischer Arbeit boten diese Weekends immer auch Gelegenheit, den Kontakt und Zusammenhalt unter den Mitgliedern und deren Angehörigen zu pflegen.

Ein Jahr später folgte ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des MHS: Zum ersten Mal wurde ein offizieller Tonträger hergestellt. Zum 10-jährigen Jubiläum als Spiel der Zunft zum Widder wurde am 20. und 24. Mai 1978 im Salmensaal die Schallplatte „Sechseläuten-Hits" aufgenommen, Produktionsfirma war die Sonographic AG aus Schlieren. Leider ist diese LP bisher die einzige geblieben, Live-Mitschnitte von Konzerten nicht eingerechnet. Es ist dabei zu sagen, dass qualitativ gute Aufnahmen und vor allem auch Abmischungen für ein Amateurorchester wie die HARMONIE sehr zeit und kostenintensiv sind. Ein neuer Tonträger, heutzutage vorzugsweise eine Compact-Disc, wäre zwar durchaus erstrebenswert, liegt jedoch in der nächsten Zukunft ausserhalb der finanziellen, zeitlichen und auch musikalischen Möglichkeiten des Korps.

An der Generalversammlung 1978 stellte Tambourinstruktor Joseph Wertli sein Amt zur Verfügung. Sein Nachfolger wurde Bruno Fader, der selbst schon seit 1970 bei der HARMONIE trommelte. Er konnte von seinem Vorgänger ein gut ausgebildetes und motiviertes Drum-Korps übernehmen und weiter ausbauen.

Eine alte Tradition der HARMONIE ging 1980 zu Ende. Zum bis jetzt letzten Mal hatte der Verein an der Schlierner Fastnacht teilgenommen. Seit den 20er-Jahren hatten die Mitglieder, wenn auch mit Unterbrüchen, immer wieder bei diesem Brauch mitgewirkt. Zahlreiche Unterlagen der jeweiligen Fastnachtskommitees zeugen von ihrem grossen organisatorischen Aufwand.

Die 80-er-Jahre hatten begonnen, die Erdölkrise und die daraus folgende Rezession waren endgültig überwunden. Ein erneuter Wirtschaftsboom wurde ausgelöst. Diese Tatsache spiegelte sich einmal mehr auch in den Vereinsaktivitäten der HARMONIE wieder. Der allgemeine Wohlstand führte zu vielen Engagements und somit zu einer gut gefüllten Vereinskasse.

So konnte bereits 1983 wieder eine neue Uniform angeschafft werden. Den Auftrag erhielt die Firma Schuler aus Rothenturm. Es wurden 57 Stück zu einem Einzelpreis von Fr. 1’040.-- bestellt. Zu den Gesamtkosten von über Fr. 60’000.-- steuerte die Stadt Schlieren in verdankenswerter Weise den grössten Anteil bei. Ein Novum war, dass zu dieser Uniform auch ein Gilet gehörte. Die Absicht war, dass man bei Hitze auch ohne Jackett noch „ordentlich aussah" und bei Kälte noch eine zusätzliche Isolationsschicht hatte. Diese sogenannt „rote Uniform" ist immer noch in Gebrauch und dient dem Verein als Strassen- und Aussenuniform. Das Gilet wurde jedoch leider mit der Zeit wieder abgeschafft. Eine weitere Folge der Konjunktur war die rege Reisetätigkeit des MHS.

Ein erster Höhepunkt war die Fahrt vom 6. und 7. Oktober 1984 via Chateau d’Oex und Montreux nach Lutry. Der bekannte Weinbauort lud natürlich sehr zum Degustieren ein und dies wurde dann auch intensiv gemacht.

1985 ging es zum ersten Mal an das traditionelle Schützenfest in Düsseldorf, der „grössten Kirmes am Rhein". Die Tage vom 12. bis zum 15. Juli werden sicher allen TeilnehmerInnen in guter Erinnerung bleiben. Das Programm war relativ locker, einige kurze Auftritte tagsüber, die Abende und vor allem Nächte zur freien Verfügung. Über Düsseldorf habe ich dermassen viel zu hören bekommen, dass mir schlicht der Platz fehlt, alles wiederzugeben. Im Übrigen kann ich einzelne Ereignisse auch nicht genau einordnen, denn die HARMONIE war auch in den Jahren 1988 und 1991 eingeladen.

Das Jahr 1986 hatte ein besonders dichtgedrängtes Programm, hier die vier bedeutendsten Anlässe:

16. 3.

Fernsehauftritt bei der „Gala für Stadt und Land".

7. 5.

Eidgenössisches Musikfest in Winterthur.

16.-17. 8.

Reise zum 100-Jahr-Jubiläum der Musikkapelle Volders.

29.-31. 8.

Teilnahme am Schlieren-Fest mit eigener Festwirtschaft.

Näher eingehen möchte ich auf Volders. Seit den frühen 70-er-Jahren pflegte die HARMONIE regen Kontakt zu der dortigen Musikkapelle, ausgedrückt mitunter durch einige gegenseitige Besuche. Dieser Kontakt ist über die Jahre leider etwas verlorengegangen und deshalb war die HARMONIE 1986 das bisher letzte Mal in Österreich. Hoffentlich wird dennoch wieder einmal eine Volders-Reise stattfinden, denn von allen Dabeigewesenen wird der Charme und die Atmosphäre dieser Anlässe sowie die Gastfreundlichkeit und die Fröhlichkeit der Tiroler gerühmt.

Die grösste Reise der 80-er-Jahre fand 1987 statt, Reiseziel war Finnland. Auf Initiative der „Vereinigung der Freunde Finnlands" und ihres Zentralpräsidenten Theo Landis war die stattliche Schar von 120 Personen vom 27. bis am 31. Mai unterwegs.

Die Höhepunkte dieser Reise kurz zusammengefasst: Konzert mit der Garnisonskapelle von Helsinki auf dem dortigen Senatsplatz, eine Schären-Rundfahrt, Finnenbuffet, Besuch im Glasmuseum von Ittala, Schlussabend mit der Garnisonskapelle Lahti und Besichtigung der Sprungschanze von Lahti.

1958 bis 1988 Dreissig Jahre Ehrenmusikdirektor Arthur Bopp. Dieses Jubiläum wurde von der HARMONIE natürlich gebührend gefeiert. Ein Galaabend vom 11. Juni und besonders ein Jubiläums-Blasmusiktreffen vom 18. und 19. Juni gaben den würdigen Rahmen. Befreundete Vereine aus nah und fern kamen zu diesem Anlass nach Schlieren.

Unvergessen bleibt auf jeden Fall die finnische Garnisonsmusik. Da in ihrem Heimatland der Alkohol sehr teuer ist, genossen die Finnen ihn hier in vollen Zügen. Dies hat sich jedoch in keiner Weise auf die Qualität ihrer Musik ausgewirkt, im Gegenteil. Ich habe noch nie ein so betrunkenes Orchester so gut spielen hören!

Eine Quasi-Neuuniformierung gab es bereits ein Jahr später. Die rote Strassenuniform wurde um einen grauen Konzertveston mit dunkelblauer Fliege erweitert. Dieser Veston ist leichter und für Innenanlässe besser geeignet. Da er jedoch als Smoking geschnitten ist, passten leider die bisherigen Hosen mit den silbergrauen Streifen nicht so ganz dazu. Frau Ursula Briner, Mitglied der Gönnervereinigung, entschloss sich deshalb 1991, der HARMONIE gleich richtige Smoking-Hosen, dunkelblau mit schwarzem Streifen, zu spendieren.

Seither verfügt die HARMONIE über insgesamt drei komplette Uniformen: Eine rote Strassenuniform, eine graue Konzertuniform sowie das Tenue der Zunft zum Widder. Der Nachteil dieser verschiedenen Tenues: Bei einigen Anlässen trugen nicht alle das Gleiche oder es wurden neue Kombinationen erfunden.

Für die Tambourengruppe war 1990 der absolute Zenit. Das Blasmusikkorps der HARMONIE war für eine Zeit nicht spielfähig, weil die „Buuremusig" auf einer Amerika-Tournee war. Deshalb sprangen die Tambouren für den Limmattaler Musiktag in Oberengstringen kurzerhand in die Bresche und legten unter der Leitung ihres damaligen Instruktors Walter Böhringer ein zweistündiges Konzert hin. Zwei Stunden nur mit Percussion zu füllen, ohne beim Publikum auf Ermüdungserscheinungen zu stossen, ist eine absolute Meisterleistung. Verbunden war die Darbietung mit allen möglichen Show-Einlagen.

An dieser Stelle muss ich doch noch näher auf die Tambourengruppe eingehen. Für viele Leute besteht die HARMONIE nur aus dem Blasmusikkorps. Dass sie aber auch über Tambouren verfügt, bemerken manche nur bei Marschmusikvorträgen oder nach der Pause am Jahreskonzert. Dass diese Tambouren aber, so wie das Korps, jeden Mittwoch proben, wissen die wenigsten. Und dass sie ihr Probelokal im Schulhaus Kalktarren haben, weiss so ziemlich niemand. Was dort geleistet wird, hat aber alle Beachtung verdient. Jedes Stück wird auswendig gelernt, ohne sich dabei an einer Melodie orientieren zu können. Im Frühling werden die Proben ins Gaswerk Schlieren verlegt, um dort Marschmusik zu üben. Die Tambouren können daher als einziges Register der HARMONIE in jeder Situation auch wirklich korrekt marschieren.

Das Eidgenössische Musikfest in Lugano, eine weitere Reise nach Düsseldorf und 700 Jahre Schweizerische Eidgenossenschaft bestimmten das Programm von 1991.

Beim Eidgenössischen Musikfest konnte die HARMONIE trotz der relativ grossen Anzahl von jungen Mitgliedern im Korps immer noch als bester Zürcher Verein in seiner Klasse vom Platz gehen, wenn es auch nicht mehr für einen solchen Spitzenrang wie in den 70-er-Jahren reichte. Bei strahlendem Wetter, der wunderbaren Atmosphäre Luganos und guter Stimmung untereinander beschäftigte das die MusikerInnen aber nicht weiter, die besuchten lieber die so zahlreichen gemütlichen Grotti.

Der Höhepunkt der 700-Jahr-Feierlichkeiten war am 3. August das grosse Volksfest in Brunnen. Im Zentrum stand der Umzug „Feste und Bräuche der Schweiz". Nun ist das Sechseläuten einer dieser Bräuche und die Zunft zum Widder wurde unter anderen ausgewählt, es zu vertreten. Und da diese Zunft immer ihr Spiel mitnimmt, konnte die HARMONIE an diesem wirklich einmaligen Anlass teilnehmen. Noch nie habe ich in der Schweiz eine so fantastische Stimmung erlebt, vor allem nicht beim Publikum am Strassenrand. Ebenso wird auch niemand das Feuerwerk über dem Urnersee und seiner Bergkulisse vergessen.

Nach 34 Amtsjahren entschloss sich Arthur Bopp, zum Bedauern aller, den Taktstock niederzulegen. Dabei ging wahrlich eine Ära zu Ende, hatte er doch die HARMONIE geprägt wie kein zweiter. Mit seiner zeitweise sehr straffen Führung hatte er das Korps musikalisch geformt, als Persönlichkeit und Mann von Welt ihm auch gesellschaftlich zu einem besonderen Stellenwert verholfen. Die HARMONIE und er waren praktisch identisch. Mit der Zeit kannte er seine MusikerInnen und sie ihn. Als „Onkel Thuri" ging er in die Vereinsgeschichte ein, zunächst als energische und fordernde Führungspersönlichkeit, dann aber immer mehr als gütige und grosszügige Vaterfigur. Seine Verbundenheit dem Verein gegenüber ging so weit, dass er ab 1989 auf sein Jahreshonorar verzichtete und dieses Geld lieber für die musikalische Ausbildung der MusikerInnen zur Verfügung stellte.

Um den Abschied von Arthur Bopp entsprechend zu begehen, veranstaltete die HARMONIE ihm zu Ehren vom 20. bis 22. November 1992 ein eigentliches Festwochenende. Der Freitagabend wurde als eine Gala gestaltet, bei dem es für ein Mal keine Bankett, sondern Ballbestuhlung gab. Die Tische waren deshalb nicht in langen Reihen, sondern in kleinen Gruppen aufgestellt und weiss gedeckt. Anschliessend an das Konzert gab es ein Dinner, begleitet von den obligaten Festansprachen. Geladen waren Delegationen der Stadt Schlieren, der Gönnervereinigung, befreundeten Vereinen sowie persönliche Freunde von Herrn Bopp. Am Samstag war wie immer das Jahreskonzert, wobei das gemütliche Beisammensein danach fast kein Ende nehmen wollte. Das Familien und Seniorenkonzert vom Sonntag rundete die Festivitäten ab. Da die HARMONIE das Programm mittlerweile zum dritten Mal aufführte, war die musikalische Qualität, trotz einer Beinahe-Freinacht, einzigartig.

Mit diesem Auftritt beendete Ehrenmusikdirektor Arthur Bopp seine Tätigkeit als Dirigent des Musikvereins HARMONIE Schlieren.

1998 bis heute

Ich bin am Ende meiner Ausführungen angelangt. Was lässt sich im Rückblick auf 75 Jahre Vereinsgeschichte nun aussagen?

Es lässt sich ein relativ einfaches Fazit ziehen: Die Freuden und Sorgen sind die gleichen geblieben, geändert haben sich nur die Umstände. Gute Kameradschaft und zwischenmenschliche Reibereien, musikalische Erfolge und Misserfolge, Lob und Tadel von der oder über die Direktion, finanzieller Wohlstand oder Engpässe ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Epoche. Beeinflusst wurden sie durch die Rahmenbedingungen, die den zeitlichen Entwicklungen unterworfen sind. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, mit ihr die Wirtschaft, das soziale Gefüge, die einzelnen Gemeinschaften und damit nicht zuletzt auch das einzelne Individuum.

Wie sieht nun die Zukunft aus?

Eine Prognose für die HARMONIE zu erstellen ist äusserst schwierig. Es stellt sich die Grundsatzfrage, ob ein Amateur-Blasmusikverein in der Agglomeration Zürich überhaupt noch Zukunft hat.

Es gibt einige ungünstige Trends:

Zum Beispiel entwickelt sich die Individualkultur stetig weiter, besonders bei den Jugendlichen. Vielerorts sind im heutigen Zeitalter von Internet und global village, In-Line-Skaten und Streetball fixe Vereinsstrukturen verpönt. Sie werden von vielen gleichgesetzt mit Vereinsmeierei, Traditionalismus und Konservatismus. Sie sind nicht flexibel genug für die Freiheit des Einzelnen und das damit verbundene Lustprinzip, nur so lange dabeizusein , wie es ihm oder ihr eben Spass macht.

Zudem heisst Vereinsleben auch immer zusätzliche Mehrarbeit und ein erhöhter Grad an persönlichem Engagement jedes Vorstandsmitglied wird mir dies sicher gerne bestätigen.

Auf der anderen Seite ist die Stilrichtung Blasmusik gefährdet. Zum einen hat sie den Hang, zur volkstümlichen Unterhaltung zu werden und somit als Nostalgieobjekt keine neuen Einflüsse mehr zuzulassen. Die Zuhörerschaft würde im schlimmsten Fall buchstäblich aussterben, denn die Jugendlichen der Agglomeration Zürich meines Wissens bevorzugen mehrheitlich andere Musikrichtungen.

Demgegenüber hat die Blasmusik aber auch einen sehr progressiven Trend, der sie jedoch zu elitär und abgehoben erscheinen lassen könnte und so einem breiteren, vielleicht eher traditionellvolkstümlich orientierten Publikum den Zugang verwehren würde. Eine breite Basis ginge damit verloren. Die Blasmusikfans würden dann im Endeffekt auf einer Stufe mit den Jazzfreaks oder Klassik-Anhängern stehen.

Zum guten Glück gibt es aber auch positive Entwicklungen:

Im Prinzip sind es die selben wie die oben genannten, einfach anders formuliert. Die Fähigkeit, als Verein ein soziales Netzwerk zu bieten, kann gerade bei immer stärkerer Individualisierung und sogar Isolierung des Einzelnen eine Chance sein. Vielleicht werden die Menschen wieder vermehrt die Gruppenerlebnisse und den sozialen Rückhalt einer festen Struktur suchen. Wir haben zum Beispiel immer wieder Mitglieder, welche aus beruflichen Gründen in die Region Zürich gezogen sind und hier bei uns einen zusätzlichen gesellschaftlichen Anschluss gefunden haben.

Auf keinen Fall vernachlässigen darf man zudem den positiven Einfluss eines kreativen Hobbies auf das psychische und physische Wohlbefinden, besonders in dieser stressigen Zeit. Mit dem gemeinsamen Musizieren und dem geselligen Umgang bietet sich ein Freiraum, um die Alltagssorgen wenigstens für einen kurzen Moment einmal hinter sich zu lassen.

Es bleibt die Frage, ob die Blasmusik an sich noch Zukunft hat. Ich denke ja. Künstlich erzeugte Klänge, die synthetische Musik, die ohne Elektrizität und Technik nicht mehr auskommen, bestimmen heute in vielen Bereichen die Szene. Sie vereinfachen einerseits den Zugang, selbst zu musizieren, andererseits Rationalisieren sie die Musikproduktion. Ein Computer kann mittlerweile ein ganzes Orchester ersetzen.

Dennoch denke ich, dass live und „unplugged" gespielte Musik, also solche ohne jede technische Hilfsmittel, die Zuhörer immer noch zu begeistern vermag. Auf diese Art wird sie direkt und unvermittelt übertragen, das Können und die Leistung des einzelnen Musikers, der einzelnen Musikerin werden erfahrbar. Es lassen sich Parallelen ziehen zu der nach wie vor beliebten klassischen Musik oder den berühmten „Unplugged"-Sessions auf MTV.

Ich glaube auch, dass beim Repertoire eine Lösung gefunden werden kann. Eine Blasmusikformation ist ein absolutes Allround-Orchester: Von Märschen über Walzer und Polkas, von barocker über klassische bis hin zu zeitgenössisch-konzertanter Musik, vom Schlagermedley über Filmmusik bis Jazz für sie ist fast alles spielbar.

In dieser Flexibilität sehe ich denn auch ihre grösste Chance. Ein gutes Korps kann sich auf die Erwartungen und Wünsche seiner jeweiligen Zuhörerschaft einstellen. Auf der anderen Seite haben die Mitglieder die Möglichkeit, verschiedenste Stilrichtungen selber zu praktizieren. Das Mitwirken bei einem Blasmusikverein wird in dieser Hinsicht nicht zu einem „Entweder-oder" sondern zu einem „Sowohl-als-auch". Es wird daher meines Erachtens weder an Publikum noch an MusikerInnen fehlen.

Es lässt sich für die Zukunft des Musikvereins HARMONIE Schlieren, gemessen an den äusseren Bedingungen, eine durchaus positive Prognose erstellen. Die inneren Verhältnisse geben ebenfalls Grund zu grossem Optimismus: Eine hochqualifizierte Direktion, gut ausgebildete und motivierte MusikerInnen, ein sehr jugendliches Korps und nicht zuletzt eine zeitgemäss organisierte und daher sehr flexible Vereinsstruktur. Dazu kommt eine gute Infrastruktur wie ein geräumiges Probelokal mit genügend Stauraum, eine beachtliche Ausrüstung mit Instrumenten und Uniformen. Darüber hinaus darf man nicht die ständige Unterstützung durch die Gönnervereinigung und die Stadt Schlieren vergessen.

Diese inneren Verhältnisse lassen denn auch die wahre Bedeutung von 75 Jahren HARMONIE ersichtlich werden: Es waren nicht die grossen Erfolge, die tollen Feste und die grandiosen Auftritte. Auf diese Lorbeeren kann sich heutzutage letzten Endes niemand mehr berufen.

Die allergrösste Leistung dieser Zeitspanne sehe ich in der Schaffung einer eigentlichen Kultur innerhalb und ausserhalb des Vereins. Diese Kultur, über Jahrzehnte von sehr vielen Leuten mit viel Fleiss und Liebe geformt, bedeutet das wahre Kapital der HARMONIE. Sie ist der Nährboden, durch den der MHS überhaupt erst erblühen konnte und kann.

Diese Vereinskultur gilt es zu pflegen und zwar sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Korps. Sie muss ständig überdacht, angepasst, weiterentwickelt und ausgebaut werden. Nur so ist ein Bestehen der HARMONIE auch in Zukunft noch möglich.

Die Grundvoraussetzungen dafür sind geschaffen und die HARMONIE kann mit viel Zuversicht nach vorne blicken!